Abreisen

Falls alles schief gehen sollte, blicke ich in den Spiegel. Mein Spiegel sieht mich. Ich verstehe die Bahnen die kreuzein durch gläserne Städte fahren, Menschen in leere Gegenden verfrachten, als seien sie bloße Ware. Ich bin einer von ihnen. Teil des freien Waren und Kapitalverkehrs. Ich zahle auch noch dafür. Falls alles schief gehen sollte, blicke ich in den Himmel. Ich sehe die Vögel, die man vor Urzeiten noch als Omen interpretiert hätte. Mir hinterlassen sie nur ein leichtes Lächeln zarter Glückseligkeit. Ich bin gelassen, aber diese Gelassenheit fühlt sich dumm an. Die Vögel kreisen. Ich bin einer von ihnen, kreise mit ihnen um die zu erhaschenden Insekten. Der Spiegel macht mich nüchtern, der Himmel macht mich weit. Ich kreuze durch das Land als wäre ich der König meines eigenen Daseins. Ich tue, als ob ich alles im Griff hätte, dabei lese ich bloße Luftspuren vor dem Hintergrund der Wolken. Mein Spiegelbild lächelt. Ich sitze im Zug und blicke aus dem Fenster. Ich sehe nichts, weil es dunkel ist. Vielleicht vorbeiziehende Lichter. Ich tue so, als wäre ich glücklich. Als wäre ich ein davonziehender Zugvogel. Einer von vielen.

Keine Stadt ist anders. Alle deutschen Städte sind identisch. Man redet über Architektur und Unterschiede, später über Inkarnationen und Ichlosigkeit, später darüber wie lecker das Essen doch war. Ich verlasse eine der identischen Städte. Verlasse die Welt, die mich verborgen hat wie ein universaler Mantel. In der ich unsichtbar war, ein Schatten meiner selbst. Lachend. Jede Absurdität durchblickend wie ein fremder Gast mit Adlersaugen, wie eine Fledermaus Schallwellen ausstoßend, und die Reflektionen deutend, die Bewegungen vorausahnend. Ich bin durch nichts überrascht. Keine Stadt ist anders. Sie sind alle gleich. Bahnhöfe, Unterführungen, Bäcker, Gleise, Durchsagen. Was hat man sich als Kind die Welten groß ausgemalt und bunt! Die Menschen sind alle gleich, keiner ist anders, alle sind identisch. Der Blick in den Sternenhimmel sollte eigentlich alle Illusionen ausradieren, stattdessen macht er uns größensüchtig in unserer Zeitrechnung. Wir kreisen in fremden Wohnzimmern, tigern in fremde Badezimmer und Toiletten, sind Gast und manchmal Gastgeber. Wir machen uns unendliche Welten vor, die Großmutter hatte Visionen. Engelswesen Wassergeister, auf der einen Seite Verbundenheit, Belustigung, Beseligung und plötzlich Wahnsinn, Irrtum, Abwegigkeiten. Wer vermöchte das eine vom anderen zu trennen?

Alsbald komme ich an, an einen Ort, den ich zuhause nenne. Schon bald werde ich mich aus tiefen Träumen erheben, in denen ich durch große Bahnhöfe schreite über all die Wunder staunend, die mich im allerechten Leben kalt lassen. Ich bewundere den Sternenhimmel, aber ich muss ihn vergessen, um zu existieren. Ich bewundere die Lust und das Lachen, meinen eigenen Humor, der aus unendlichen Vergessenheiten zu emanieren scheint, um lautlos in ein bloßes Lächeln zu versinken. Die Menschen, die ich anlächele, lächeln manchmal zurück. Wiederum das Gefühl von Verbundenheit. Abends der Blick in den Spiegel. Der Spiegel sieht mich, aber er zieht es vor, zu schweigen. Die Vögel stören meinen Schlaf, hier zuhause. Ich spreche mit meinen Mitmenschen, zeige Interesse, wo bloßer Zufall unser Zusammensein bedingt, genieße meine Einsiedelei, die stets aber auch im Herzen sticht. Das ist der Preis. Ich rede so, als wäre nichts gewesen. Ich lache, als kennte ich die Trauer nicht. Aber sie ist selbst verborgen in der bloßen Schwarzweissheit der Identischkeiten.

Ich blicke aus dem Spiegel, der wie eine Schwalbe um mich kreist, als wäre ich das nächste zu erfressende Insekt, ich sehe Hochhäuser. Sehe Autos, Dunkelheit, vorbeiziehende Lichter. Ich sehe alle Inkarnationen alle Planeten alle Sonnensysteme alle Worte. Ich bin in einem Bahnhof, gigantisch, eminent, sich wichtig gebend, ferne Welten durchziehen und verlassen mich wieder. Ich verirre mich. Laufe wieder davon, wie im Traum. Dieses Sein ist zu groß für mich. Ich will vergessen. Die Identität in die Differenz entzerren, vergestalten. Wo ist mein Bild, meine Bildung. Was habe ich aus mir gemacht. Ich durchblicke alles. Welten Städte Leben. Bloße Identität. Ich lache. Nichts kann mir nichts anhaben. Das Leben versucht mich umzubringen. Ich bin einer von ihnen, identifiziere mich nicht mehr. Weil ich einer von ihnen bin, bin ich keiner von ihnen. Keiner ist einer von ihnen, aber alle glauben es. Sind überzeugt davon. Sie haben Hunger, Durst, Humor und Musik. Wer könnte irgendwem irgendetwas verübeln? Ich vergesse, lächele. Ich Ich Ich.

Ein Kommentar

  1. Hier bin Ich – NichtIch – IchNicht!
    Du wünschst dir die eine Antwort – bist nicht interessiert!
    Bist dir – Selbst
    Genug – !!
    Stimmt – tmmsti!
    Wer sich abreist – will ankommen!
    Abreisen – !!
    Sehnsucht – im Freien Fall – Unten Heil –
    Angekommen – ?!

    Der Spiegel – zerbrochen!
    Teile – Spiegelung –
    Gebrochen –
    Verzerrung
    Verführt Zum Denken – 7Tage
    Pech?!
    Hier:
    „Der Achte Tag!

    Liebe – Liebe – Liebe

    IST
    Liebe!

    Im Fallen
    Kein Ende

    IchNicht!

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden /  Ändern )

Google Foto

Du kommentierst mit Deinem Google-Konto. Abmelden /  Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden /  Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden /  Ändern )

Verbinde mit %s

%d Bloggern gefällt das: