Sind Sie sich wirklich sicher?

Unzählige, in Lichtgeschwindigkeit ablaufende, und für mich unsichtbare Prozesse führen zu einem Rechteck mit der Frage „Sind Sie wirklich sicher, dass [Sie XY tun] möchten?“ Ich verdrehe leicht genervt, und mit einem kaum hörbaren Seufzer absoluter Resignation, der die Erfahrung des IchHabeDasBereitsTausendmalErlebt-UndKannEsJaDochNichtÄndern-Phänomens in einem einzigen Laut zusammenfasst, die Augen und klicke auf „Ja“.
Dann halte ich inne. Die Frage „Sind Sie sich wirklich sicher, dass …“ hat gleichzeitig etwas sehr Beruhigendes und etwas geradezu absurd Bizarres an sich.
„Sind Sie sich wirklich sicher?“
Die Frage vermittelt mir einerseits das Gefühl, die absolute und umfassende Kontrolle über die akute Entscheidung und allen zugrunde liegenden Ursachen zu haben, inklusive aller vorausgegangenen Arbeiten zur Schaffung der Rahmenbedingungen dieses konkreten Entscheidungsmomentes und aller aus meiner Entscheidung folgenden Konsequenzen, ob absehbar oder nicht — was aber natürlich völliger Unsinn ist, verstehe ich ja kaum, wie Computer im Allgemeinen, und mein Laptop im Besonderen überhaupt funktionieren, geschweige denn, dass ich nicht einmal näherungsweise erahnen kann, welche und wie viele Dinge im Hintergrund passieren, auf die ich keinerlei Einfluss habe, da ich von ihrer Existenz nicht das Geringste weiß.
Andererseits zwingt diese Frage mich dazu – und zwar unmittelbar, schon durch ihr Stellen – sie auf einer anderen Ebene zu antizipieren, und mich und meine Umwelt zu Fragen: „Sind wir uns wirklich sicher!?!?“
Während die Illusion der Kontrolle mich in ihre flauschig-warme Umarmung lockt, mir zuraunt, alle Zweifel an der Absolutheit meiner Kontrolle fahren zu lassen, und mich mit Liedern wie der Computer weiß es ja letztlich ohnehin besser, und so lange er funktioniert, könne es mir ja egal sein, zurück ins Schlaraffenland seliger Ignoranz schickt, verbeisst sich die abstraktere Version der Sicherheitsfrage unerbittlich in meine Großhirnrinde, und füllt mir die Augen mit Tränen während sie mir zum hundertsten Mal klarmacht, dass es auf sie nur eine richtige Antwort – „Nein.“ – gibt.
Nein, ich bin mir nicht wirklich sicher. Nein, Ihr auch nicht. Und nein, auch wir alle, und die Menschheit im Ganzen ganz besonders, sind uns nicht „sicher“.
Womit eigentlich? Mit allem halt. Bin ich mir sicher, dass Ich Ich bin? Bin ich mir sicher, dass ich existiere? Bin ich mir sicher, dass ich das wirklich essen möchte? Bin ich mir sicher, dass es eine gute Idee war, den Brief des Anwaltes von sonstwem drei Monate lang zu ignorieren? Bin ich mir sicher, dass ich mein Leben richtig führe? Bin ich mir sicher, dass ich die Konsequenzen meiner Handlungen tragen möchte und/oder kann?
Sind wir uns sicher, mit dem Weg, den wir die Gesellschaft, die Welt, unser aller Leben und Umwelt nehmen lassen? Sind wir uns sicher, dass wir nicht anders können? Sind wir uns sicher, dass Resignation der bessere Weg ist? Sind wir uns sicher, dass unsere Kämpfe einen Sinn haben, oder auch nur einem Zweck dienen? Sind wir uns sicher, dass es sich lohnt, oder überhaupt möglich ist, die Welt zu verändern/sie so zu belassen?
Sich die Frage nach den (Un)Sicherheiten des Lebens zu stellen, scheint mir an vielen Stellen sinnvoll. Auch wenn die Meisten die Antwort – (ich wiederhole:“Nein.“) – bereits kennen und vermutlich auch erwarten werden, ist die Frage allein durch ihr Stellen bereits wertvoll. Man zwingt sich auf eine etwas krude Art und Weise dazu, sich den eigenen Wunsch nach und den Mangel an Kontrolle einzugestehen. Das führt zumindest mich persönlich oft dazu, dass ich mich, trotz meiner Unsicherheiten besser fühle, denn ich gestehe sie mir ein, und – lange nicht immer, aber oft genug – mache ich die Dinge/fälle ich die Entscheidungen dann trotzdem und klopfe mir im Nachhinein auf die Schulter – auch wenns schiefging, ich hatte den Mut, mich trotzdem bewusst dazu zu entscheiden. Und aus demselben Grund macht es mir das Tragen der Konsequenzen meiner Taten auch leichter, habe ich doch deutlich seltener das Gefühl, für etwas nichts zu können. So erzeugt sich durch meine vielen kleinen und großen Unsicherheiten am Ende das kleine bisschen Kontrolle, das ich tatsächlich habe – die Freiheit, mich zu entscheiden.
Möglicherweise würden im Alltag eingerichtete Fragen dieser Art für uns manchmal einiges verbessern.

„Sind Sie sich wirklich sicher, dass Sie [XY] wählen möchten?“

„Nein.“

 

 

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