Unbewegte Bewegung

Im Ringen um das wahrhaftige Leben stellt sich mit Zuverlässigkeit immer wieder der Konflikt zwischen Sicherheit und Freiheit ein. Wenn wir einem spirituellen Pfad folgen, uns dabei anfangs von einer bestimmten Schule oder Richtung inspirieren lassen, tendiert das Befolgen dieses Pfades dazu, zu einer Sturheit zu werden, und wir tendieren dazu, uns Götter, Götzen, universelle Gesetze zu schaffen, die keine Realität für sich besitzen, sondern an die wir nur glauben wollen, weil sie uns Sicherheit geben.
Dann gibt es jenen Moment, wo die Inspiration, die allzu verkörperlicht und festgeschrieben geworden ist, wieder in sich zusammenbricht, und man sich der klassisch-existenzialistischen Geworfenheit und der Verdammnis, frei zu sein, in Erschreckung bewusst wird. Freiheit bedeutet die Verantwortung, über sein Schicksal selbst zu bestimmen, und was man auf dem spirituellen Pfad allmählich an die Glaubensinhalte überlassen hat – das Schicksal folgt universellen Gesetzen und der Rest ist im eigentlichen Sinne belanglos – gerät nun wieder in die Sphäre des Privaten, in die Sphäre meiner Handlungsoptionen, was Angst auslöst. Ja, wir haben Angst vor der Freiheit. Ja, wir haben Angst, ohne einen Gegenspieler, einen Gott, ohne ein universelles Gesetz zu leben, denn daraus folgt die Freiheit.
So gelange ich wieder zurück auf den, wenn man so möchte, philosophischen Pfad, wo ich darüber sinniere, dass ich in absoluter, inhaltsleerer Freiheit lebe, und ich aus mir machen kann, was ich möchte. Ich bin überzeugt, dass diese Freiheit ein Grund für viele seelische Verstimmungen, gerade in meiner Generation darstellt, weil wir nicht wissen, was der Hintergrund für die Gestalt unseres Lebens ist. Wir haben kein Gegenüber. Die Zukunft ist ein Abgrund. Die Absurdität des lebendigen Seins, an der Spitze der unendlichen Weite des Kosmos ist unauflöslich. Eine Mischung aus Staunen, Ehrfurcht und Angst. Aber auch ein gewisser Stolz, solch ein bewusstes Lebewesen, ein Mensch zu sein, nicht mit der Blindheit der Tiere geschlagen zu sein und über das Gegebene hinwegzugehen wie ein Feldherr über Leichen. Angst vor der Zukunft ist zwar ein subtiler Imperativ, und ein Teil des psychischen Motors unserer Leistungsgesellschaft, in der Angst dazu benutzt wird, die Oberen vor allzu viel rebellischen und bewussten Geist von unten zu schützen, aber als Teil des größeren Ganzen, der conditio humana, wenn man so will, ist die Angst vor der Zukunft ein Privileg des Menschen, der sich zumindest dem Anschein des wachen Alltagsbewusstseins nach von allen mythischen und magischen Gefängnissen freigemacht hat.
Diese Freiheit löst in mir, wo ich gerade darüber nachdenke, eine Stimmung von Feierlichkeit und Wertschätzung aus. Wann begreife ich endlich die Lösung jener Frage, auf die ich immer wieder zurückkomme, wie nämlich das Ineinander von Sicherheit und Freiheit, d.h. von Glück und Autonomie möglich ist? Wann hört es auf, dass ich wie ein Pendel von der einen zur anderen Seite schwinge und ich endlich in der Mitte ruhe? Ist jene Ruhe überhaupt möglich? Ist es möglich, die Ruhe des Glücks mit der Unruhe der Autonomie zu verbinden?

3 Kommentare

  1. E.

    interessante Gedankengänge..

    • Auf diese, sehr bescheidene, Antwort habe ich lange gewartet. – Das spricht für dich!
      Hoffentlich ist niemand da, – der dir Argumente ausgehen lässt!

  2. Es ist nicht [nur nicht] möglich, „die Ruhe des Glücks“ mit der „Unruhe der Autonomie“ zu verbinden – sondern [auch] zu entdecken das beides zu keinem Zeitpunkt voneinander zu trennen möglich ist, und war.

    Der Mensch kann [nicht alleine] eine Maschine bauen die alle „Funktionen“ des Mensch-Sein hat; und diese dann auch noch, einschliesslich den Prozess von [scheinbar] freiem Denken, übernehmen kann. – Klonen lässt nichts [mehr] „Unmöglich“ erscheinen. – Aber wo ist hier der „Mensch“ – in seinem „Selbst-Sein“?! –
    Das macht nicht nur Angst sondern all die „Mach[t]baren Möglichkeiten“ faszinieren und beglücken uns so sehr, dass sie [uns] „Selbst-Vergessen,“ – aus „der Angst“ geboren, vor der Angst eines jähen Ende [des Innwendigen] Glücks sich nicht mehr „nur“ Sich-Selbst-Sehen-Können“ [uns] nur unentwegt vorantreibt, um uns letztlich im „Nur-Sein“ sich zu verlieren. – Das ist wahre Selbst-Liebe aus der nichts verloren noch zerstört werden kann.
    Zen treibt den Zweifler in die Verzweiflung. – „IchNicht“ – schreit um Hilfe! – Niemand da…..!
    Wer hört, der ist auch „Der“ – der Sieht. – Wer anklopft, – dem wird reichlich aufgedeckt; – mehr als „ER“ auf einmal „alleine“ essen, geschweige denn verdauen, kann.
    Wer hat; dem wird auch noch das „Letzte“ genommen,
    durch sich, – die Liebe Selbst.

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