Ein Gedanke

Ich beschäftige mich beruflich viel mit Design, Darstellung, Werbung, Kaufverhalten, et cetera. Und neulich sagte einer meiner Dozenten während wir uns mit Marken, deren Existenz, Wirkung und Strukturen beschäftigten, einen Satz, der einen schon seit mehreren Jahren in mir verhafteten Gedanken wieder zum Leben erweckte. Er sah uns an, und meinte, dass er, wenn er uns ansieht, ja logischerweise auch „Marken“ an und in uns sieht, was heißt, dass wir uns alle(!) als etwas darstellen wollen, den Anspruch haben , in unserem Äußeren etwas zu manifestieren, ein bestimmtes Verhalten, eine Charaktereigenschaft, eine politische Einstellung, whatever.
Im Kontext der politischen und sozialen Strukturveränderungen der letzten Jahre kam mir der oben erwähnte Gedanke wieder in den Sinn. Kurzer Exkurs zum selben: damals gab ich dem Komplex den Namen „Individualitätsparadox“.
Mein liebes Paradox lautete, simpel formuliert, ich war noch jung: Wenn es Trend ist, gegen den Mainstream zu sein, sind automatisch alle im Mainstream. By the way: dieses „Mainstream“ erscheint mir persönlich als obsoletes und obskures Konzept, macht aber im Beispiel Sinn. Kombiniert man die beiden oben erwähnten Gedanken, und gibt man eine ordentliche Portion Betrachtung politischer und sozialstruktureller Beobachtungen der letzten Jahre hinzu, erhält man ein interessantes Potpourri. Ich nehme an dieser Stelle meine persönliche Erkenntnis vorweg und behaupte dreist, dass fast alle Menschen das Wesentliche aus den Augen verloren haben, oder in ihrem Bestreben, eben dies nicht zu tun, zumindest seltsame Wege einschlagen.
Zitat: „Es gibt kein richtiges Leben im Falschen“. Klassisch vielzitierter Aphorismus aus der Minima Moralia von Adorno. Dreht man das um, erhält man den Satz: „Es gibt kein falsches Leben im Richtigen.“ Davon ausgehend, dass ich „richtig“ und „falsch“ in etwa so verwende, wie ich verstanden habe, dass Theo das meinte, macht die Umkehrung pro forma Sinn.Das Gedankenkonstrukt meint dann so ungefähr: Wenn du einmal verstanden hast, was wirklich wichtig ist, was wirklich zählt, und zwar grundlegend, nicht auf der Basis irgendeiner religiös geprägten Wertewelt, Leistungsgesellschaften, obskuren Moralitäten et cetera, dann kann Mensch eigentlich gar nicht mehr so viel falsch machen. Ergo bleibt die Frage, was denn das „Richtige“ ist, was Mensch denn zu verstehen gedenkt. Dazu nun der eigentliche Gedanke:
Das eigentlich Faszinierende innerhalb jedes Lebens, jeder Form von Polit- & Kapitalismuskritik, Psychoanalyse und sonstigen Daseinsformen ist das Paradox.
Während auf der einen Seite jahrzentelang gepredigt wird, von einem selbst, wie von der Außenwelt (#Sozialisation), dass die Welt sich nur um einen selbst dreht, dass man ein „gutes“ Leben führen solle (was auch immer man darunter verstehen möge), die wahre Liebe vorgespielt und/oder -gelebt bekommt, man sich entscheiden muss und möchte ob man netter Nachbarsjunge oder -mädchen, Badboy/girl, Rocker, Metaler, Pianistin,  Punk oder Proll, KünstlerIn, Fußballerin, Tänzer, Intellektuelle/r, aufgestylt oder abgeranzt sein möchte, kurz, sich für das Konsumverhalten, das man auch nach außen tragen möchte, entscheiden muss, werden einem andererseits die Credos (Creda?Creden?) der modernen Zusammenrottung eingetrichtert, die sich selbst schon auf verschiedenste Weisen widersprechen. Politische Einordnung, links, rechts, „unpolitisch“, geh wählen, geh nicht wählen, misch dich ein, halt dich raus, gerade die Bundestagswahl hat in ihrer oberflächlichen Vielschichtigkeit einige interessante Einblicke ermöglicht.
Und während man sich dauerhaftem Positionierungszwang zwischen politischen Extremen, Ess- & Konsumgewohnheiten, Rassismen und Sexismen (und den vielen weiteren Problemen) ausgesetzt sieht, die wie ein Fliegenschwarm dem Gestank unserer Eitelkeit folgen, wird man ob der Komplexität und der Schwierigen Bearbeitung der Themen unsicher, zieht sich in sich selbst zurück, bekommt immer wieder, von innen und außen den Eindruck „was kann ich (als Einzelner) schon ausrichten“.
Und hat – hier die Punchline – das Wesentliche aus den Augen verloren.
Menschlichkeit. Humanität.
Ich bin sehr, nein ich habe kein Wort für die komplexe Gefühlsmischung bezügliches dieses Themas. Ich glaube, vorrangig bin ich traurig. Traurig, dass in allen Debatten, Diskussionen, Plena, Disputen und Streits und sonstigen Formen intellektueller Auseinandersetzung (wenn man das denn so bezeichnen möchte) die Humanität wahlweise entweder abhanden kam, oder ad absurdum geführt wurde.
Beispiel: die sogenannte „Flüchtlingskrise“. Ich weiß, ich weiß, es wurde schon zu viel darüber geredet, völlig richtig. Aber es wurde nur wenig sinnvolles dazu gesagt.
Denn in allen Podiumsdiskussionen, Polit-Talks, Kneipengesprächen et cetera et cetera wurde über das warum, das wie, das wie verhindern, das warum verhinden und ähnliches schwadroniert. Und traurig ist ja bereits, dass die Kernfrage niemand beantwortet hat. Noch schlimmer ist allerdings, dass sie nicht einmal gestellt würde (zumindest im öffentlichen „Diskurs“ nicht).
Die Kernfrage ist, war und wird immer sein:
Warum sollten wir anderen Menschen helfen?  Und so einfach und klar wie die Frage ist auch die Antwort: weil wir es sein könnten. Klingt etwas abstrus, weil man das schnell falsch versteht, ok, macht aber Sinn. Warum? Weil genau das die Urtriebfeder der Humanität ist. Ich nehme dein Leid an. Ich stelle es nicht infrage, ich rede es nicht klein, ich frage nicht nach deiner Herkunft, deinem Vermögen oder sonstigen Nichtigkeiten. Nein, ich sehe dich an, ich erkenne und respektiere dein Leiden, ich fühle mit dir, und ich kann mir darum vorstellen, dass es auch mich hätte treffen können, kann mir vorstellen, wie verzweifelt du bist, kann mich ein stückweit in dich hineinversetzen, und muss dich nichts fragen. Nein, es ist ganz selbstverständlich, dass ich dir helfe. Du hättest das auch für mich getan. Und davon muss man ausgehen. Wenn einem das Vertrauen in die Menschen so sehr ausgegangen ist, dass man nicht daran glaubt, dass die Situation auch umgedreht sein könnte (Totschlagargument: was habe ich getan, um in Deutschland geboren worden zu sein?), dann sollte man sich vermutlich einfach von der nächsten Brücke stürzen.
Das gilt für die „Flüchtlingskrise“, aber auch für alles andere. Für jede politische Diskussion, jeden Krieg, jeden Trump, jede Unionseinigung für Obergrenzen, jeden Menschen, jedes Leben, jederzeit.
Wenn wir aufhören (und das haben zu viele schon lange getan), das menschliche Leben, und den Erhalt desselben (macht da jetzt keine Abtreibungsdiskussion draus, ihr wisst, was ich meine) als oberste Maxime für unser gesellschaftliches Zusammenleben zu sehen,  dann gehen wir auch zu Recht unter.
Und die Diskrepanz zwischen dem willentlichen Individualismus und dem gesellschaftlichen Zusammenhalt muss nicht darin gipfeln, dass politische Haltungen zu T-Shirt-Sprüchen und Basecap-Aufdrucken verkommen.
Ich denke, Individualität und Massenverhalten kann man erfolgreich vereinen, indem man sich an ein paar grundlegende Verhaltensregeln erinnert, die einem Mama damals beigebracht hat: sei respektvoll, sei höflich, lass die anderen mitspielen, und hau die anderen Kinder nicht.
Wenn sich da alle dran halten, funktioniert das meiner Meinung nach ganz gut.
Sollte eigentlich selbstverständlich sein. Und dass es das nicht ist, ist die traurige Bestätigung meiner Theorie.

Euer J.

6 Kommentare

  1. Weder Individualität noch Massenverhalten! Alles ist der eine Geist! Warum sich Rosinen herauspicken und sie nicht mit anderen teilen zu wollen? – „Die Kette von Ursache und Wirkung ist ohne Bewegung“
    Ohne die Anstrengung, sich ins Bett zu legen, wenn man müde ist, geht gar nichts.
    Om Parkins hat einmal in einem Satsang in Hamburg, dem ich beiwohnte, gesagt: „Für den „Alkoholiker“ bedeute das „Glas Bier auf dem Tisch“, als eine grosse Anstrengung. – Dieses Glas – stehen zu lassen – und es nicht leer zu trinken!“

    Freiheit ist, – freiwilliges sich Hingeben, für den anderen! – Denn: „IchBin“ – gebunden in Liebe!
    Matthias

  2. Lieber J. He, vielleicht sind „wir alle“ dabei aus „deinem Traum“ der Gemeinschaft auf zu wachen?! Sehr kompliziert, scheint unmöglich – gebe ich dir recht. Oder du sprichst im Tiefschlaf und wir hören dir gerade sehr aufmerksam zu und warten auf Neuigkeiten die jeder weis. – Andere Theorie: Niemand macht sich die Mühe der Gedanken die es braucht um sich selbst zu verstehen.
    Oder aber ich befinde mich im traumlosen Schlaf, und träumte vom kollektiven Aufwachen; frage mich wer ist eigentlich wach – und wer träumt?, bekomme aber keine zufrieden stellend Antwort.
    Ungeachtet all dessen ist es nicht so, J., dass du immer ganz alleine in den Schlaf fällst? Und wenn der Wecker in der Früh, zu Kindes Zeiten die liebe Mutter, mich weckt; – ich wache immer von ganz alleine auf. Was vom Abend zuvor übrig blieb, ist wieder da. – Ich freue mich, – alles ist mit mir da! – Keine grössere Gewissheit als diese.

    Dein M.

  3. Oh ja. Ich freu mich immer, wenn das Glas voll ist. Alles Gute.

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