Vorrang des Abstrakten vor dem Konkreten

oder: die logische Ableitung der platonischen Ideen bzw. Formgesetze aus dem Materialismus heraus

Vorbemerkung: jahrelang hing ich selbst dem unhinterfragten Glauben an, alles sei Materie und alles sei aus ihrer Existenz ableitbar. Erst allmählich, und in intensiver Beschäftigung mit der Philosophie, streife ich diese unreflektierte Weltanschauung allmählich ab. Und bin erstaunt darüber, wie unlogisch der Materialismus und wie plausibel der Platonismus (auch in all seinen Fußnoten) dagegen ist. 

Zum eigentlichen Text: Angenommen, es existiert nur Materie, so sagen wir damit nichts anderes als dass nur Energie existiert, denn Materie ist nur eine bestimmte Form von Energie. Diese Gleichsetzung vollziehe ich hauptsächlich, um den dynamischen Aspekt der Materie zu betonen, der im Allgemeinen leider eher vernachlässigt wird. Wenn wir sagen, dass nur Energie existiert, so kann man daraus allein nicht erklären, warum die Energie so vielgestaltig ist, und in Form von Sonnen, Planeten, Bakterien, Bäumen, Säugetieren, Menschen und Autos existiert. Unter der Prämisse, dass nur Energie sei, muss man Formgesetze heranziehen, das heißt, ich kann beispielsweise das menschliche Gehirn nicht erklären aus den einzelnen Atomen, Molekülen und Zellen heraus, sondern aus ihrer Verbindung zueinander, das bedeutet aus ihren Mustern, Strukturen, Netzwerken und dynamisch betrachtet aus ihren Rhythmen und Frequenzen, ihren Funktionsweisen. All diese Begriffe sind nicht materiell, sind nicht die Energie selbst, sondern betreffen nur die Form der Energie.
Die Materie oder Energie ist also nicht das wesenhaft Seiende beispielsweise eines Menschen (sonst wäre der bildlich vorgestellte Haufen aus Atomen aus denen der Mensch besteht, ebenso ein Mensch wie der, der über solch einen Haufen schreibt). Vielmehr ist die Energie oder die Materie nur der Träger der als wesenhaft konstituierenden Formgesetze oder anders gesprochen: der platonischen Ideen. So bin ich als Körper auch nur Träger z.B. meiner politischen Überzeugungen, oder der Gerechtigkeit, oder der Schönheit und nicht diese selbst. Nur aus der Form der Materie lässt sich alles weitere erklären. Also ist der Materialismus nicht prinzipiell falsch, Energie und Materie existieren und ohne sie ist das Seiende nicht vorstellbar, aber ob das Seiende ein Energie-Klumpen oder ein Computer ist, macht dann doch einen nicht unerheblichen Unterschied.

3 Kommentare

  1. Ganz herzlichen Dank für deine klare, [mit]menschliche Antwort. Ich hatte hin und wieder wirklich Zweifel das hinter dem Namen des Blogs ein Statement von einem – oder mehreren Menschen stehen die andere auf die absolute, allumfassende Wahrheit hin einklagen, damit tatsächlich nichts weiter als ein Statement abgeben und sind, und den „Mensch“, den es [be]trifft, in seiner reinen ungeboren Wirklichkeit, die Liebe verleugnen bzw. bewusst, willentlich vergessen lässt.
    Die Liebe ist nichts zukünftiges und deshalb lebe ich auch nicht für die Zukunft. Wenn wir jedoch immer noch glauben, dass die Liebe, in der Vergangenheit, in so vielen Fällen des Leidens aller Wesen „nicht entsprechend“ da war, dann glauben wir – der Mensch, in seiner Ich-Anhaftenden-Wirklichkeit, immer noch [nur] an seine „eigene“ Existenz. Mit der unweigerlichen Fehl-Annahme im ständigen Überlebenskampf stehen zu müssen.
    „Ich bin, der da ist“ ist Gottes Name – keinem anderen etwas antun, – was du selbst nicht willst.
    Ich habe keinen Zweifel über meine ungeborene Wirklichkeit, die Liebe.
    Mit diesem Statement mache ich mich sehr verletzlich, fürchte das Leid, aber nicht den Tod.

    Ich danke dir mein Gottesfreund!

  2. Was ist der Grund oder Sinn der Existenz, wenn der Computer das ist was er ist? – Und du, Mensch? – Wenn du Mensch erklärst, dass mit dem Wort „Rad“ etwas in Gang gesetzt ist, was sich schon dreht bevor wir es nur im Ansatz auszusprechen vermögen. Welchen Trost verbreitest „du Mensch hier“, wenn du von „IchNicht“ ausgehst und glaubst du hättest dich „IchNicht“ – Selbst erkannt; und somit/damit alles „andere“ abgestreift?

    Du willst ein „Zeuge“ sein für das was ist?!
    Was sagst du dann einer Mutter, deren kleiner Junge gerade in ihren Armen verhungert ist? –
    Wenn du mit ihr nicht weinen kannst – wo sind dann deine Tränen?
    Sage es mir bitte, beantworte mir aufrichtig meine Frage. Ich möchte niemanden mit meinen Kommentaren verletzen, ich gehe dem was ist nur nach; – bis auf den Grund.

    • Ich bin mir nicht ganz sicher, ob ich Deine Frage richtig verstehe, aber ich will versuchen, sie zu beantworten, so wie ich sie gerade verstehe. Zunächst einmal ist „Ich Nicht“ nur der Name unseres Blogs und nicht unbedingt ein Statement. Wenn Du das buddhistische An-Atman, also Nicht-Selbst meinst und davon ausgehst, dass ich oder wir ein Nicht-Ich im Sinne einer Abstreifung alles Irdischen verfolgen, dann liegst Du damit falsch.
      Einer Mutter, deren kleiner Junge eben verhungert ist, werde ich so (mit)menschlich begegnen, wie ich selber bin (übrigens würde auch Buddha oder der Buddhismus würde so etwas mehrheitlich befürworten, denn der Buddha hat nicht nur Leerheit und Zeuge-Sein gelehrt, sondern auch Mitgefühl; zumal Buddha in das Zentrum seiner Lehre ja auch das Leiden stellt). Ich möchte ausdrücklich sagen, dass ich mit einer Flachland-Spiritualität, die einzig das Ideale, die Ideen oder Formgesetze für real hält, nicht übereinstimme (was auch Platon nicht tut), sondern das dialektische Vorgehen für richtig halte. Damit gehört auch die Ausgewogenheit von Konkretion (d.h. menschlicher Güte) und Abstraktion (d.h. Streben nach Wahrhaftigkeit). Ich möchte hier auch auf den Text „Weisheit und Glück“ auf unserem Blog verweisen, der genau dieser Frage nachgeht.
      Ich hoffe ich konnte Deine ehrliche und sinnvolle Nachfrage beantworten.
      LG Ich Nicht

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