Tagebuch des Rebellen

„Ich bin ein Rebell, weil es wichtig und weil es so cool ist.
Ich bin ein Rebell und halte mich für ganz besonders mutig,
doch ich bin nicht mutig, nur ein tragischer Clown,
mutig sind für Freiheit kämpfende iranische Frauen.“
— Captain Gips, 20.000 Meilen unter dem Yeah

Eintrag #1
Bin heute bei grün über die Straße gegangen. Ich bin ein Rebell.
Eintrag #eineinhalb
Heute das Haus nicht verlassen. Noch mehr Rebell.
Eintrag #eindreiviertel
War derselbe Tag.

Eintrag #2
Samstagabend allein zuhause verbracht. Das ist Punkrock. Ich bin ein Rebell.

Eintrag #3
Heute im Rewe freundlich zur Kassiererin gewesen. Ich bin ein Rebell.

Eintrag #4
Heute eine Hose mit Löchern an den Knien gekauft. Echte Rebellen frieren nicht am Knie. Ich bin ein Rebell.

Eintrag #5
Den ganzen Tag schwarzgefahren. Ich bin ein Rebell.
Eintrag #5einhalb
Erwischt worden. Strafe nicht bezahlt. Cops, Knast, ZACK! Rebell tot.

Eintrag #6
Heute gelächelt. Ich bin ein Rebell.
Eintrag #6einhalb
Heute nicht. Rebellen gegen Rebellion.
Eintrag #6dreiviertel
Ok, war eh alles gelogen. Ich lächle nicht.

Eintrag #7
Heute nüchtern auf Arbeit gewesen. Ich bin ein Rebell.
Eintrag #7einhalboderso
Haha, denkste.

Eintrag #9
Gestern keinen Eintrag gemacht. Ich bin ein Rebell.

Eintrag #10
Hab heute einen fremden Menschen angesprochen. Er hatte Feuer.
Ich fühl mich wie ein Rebell.

Eintrag #11
Heute keinen Alkohol getrunken. Ich bin ein Rebell.
Nachtrag zu Eintrag #11
(Dafür Pappe geschluckt)
(Anmerkung des Übersetzers)

Eintrag #12
Heute ein Konzept für spontane Fotografie entwickelt. Ich bin ein Rebell.
Nachtrag zu #12
Ja, klar. Du. Konzept. Genau.

Eintrag #13
Einen besonderen Wein ohne besonderen Anlass aufgemacht. Ich bin ein Revolutionär!

Eintrag #14
Mich mal einen Tag lang nicht hinter Witzen und Monologen versteckt. Ich bin ein Rebell.
Eintrag #14v.2
Mittlerweile schon ein Vierteljahr geschafft. Wenn Rebellion gegen sich selbst zum erfolgreichen Normalzustand wird, hat man sich vielleicht wirklich verändert.
Nachtrag zu Eintrag #14v.2
Menschen ändern sich nicht. Zumindest nicht grundlegend.

Eintrag #15
Mich heute informiert. Bin ich jetzt ein Rebell?
Eintrag #15 – Ergänzung
Mich heute formiert. Army-Style. Die Revolution ist tot.
Lang lebe die Revolution.

Eintrag #16
Festgestellt, dass klar ist, dass ich ein Rebell bin. Jetzt wird’s ernst.
Nachtrag: ich bin verwirrt.

Eintrag #17
Ich hab heute angefangen, eine Fernsehsendung zu produzieren. So eine Art Morgensendung. Allerdings filme ich das nicht. Würde ja keiner gucken.

Eintrag #18
Mir ist heute was irres passiert. Hab den sarkastischen Anspruch meines Tagebuchs irgendwo liegen lassen. Muss jetzt anders weitermachen. Auflehnung.
Eintrag #18 – Ergänzung
Hab ihn ein Vierteljahr später wiedergefunden. Vermutlich verliere ich ihn in einem Monat wieder. Was für ein wirres Gerede in diesem ewigen Hin&Her.
Weiss ich denn nicht was ich will??

Eintrag #19
Alles wissenswerte sagt meine Kunst über mich. Alles was übrig bleibt, sagen meine Pornos.

Eintrag #20
Hallo? Hallo? Existiere ich? Hallo?

Eintrag #21
Das hier ist wie Twittern, nur geiler.

Eintrag #22
Witzig. Was anfangs mehr sone satirische Darstellung weirder gesellschaftlicher und persönlicher Momente werden sollte, avanciert langsam zu einer ernsthaft(er)en Gedanken- & Gefühlssammlung. Vielleicht bin ich doch ein Rebell. Wer lässt schon sowas zu?

Eintrag #23
Manchmal bist du der Cowboy, manchmal bist du die Treppe.

Eintrag #24
Ich weiß es doch auch nicht.

Eintrag #25
Ich wünsch mir, dass ich Leuten einfacher sagen und vor allem zeigen kann, wie gern ich sie habe. Sollte eigentlich nicht schwer sein. Ist es aber seltsamerweise. Dabei sind es doch gar nicht so viele.

Eintrag #26
Hab meiner Mutter gesagt, wie sehr ich sie mag. Hätte ich auch schon früher drauf kommen können.
Nachtrag zu Eintrag #26
Sie mag mich auch.

Eintrag #27
Allein in meinem Zimmer getanzt. Ich durfte mir die Musik aussuchen, die Anlage ist super, ich hatte keine Probleme reinzukommen, musste nicht schlangestehen, es hat mich kein störender Mensch angelabert, niemand machte sich über meinen bekloppten Tanzstil lustig, und Bier gabs auch umsonst. Bester Rave.
Nachtrag zu Eintrag #27
Ok, ich gebs zu. War ganz nett, aber eigentlich hatte ich nur Angst, vor die Tür zu gehen.
Tanzen gehen ist schwierig. Alle checken sich dauernd ab, Blicke, Menschen überall.
Jede/r schätzt ab, wie cool du bist, wie heiss du bist, wie betrunken/druff du bist, und vergleicht sich selbst permanent. Und dich auch. Und Menschen ungefragt miteinander zu vergleichen finde ich unhöflich. Das ist wie Äpfel mit Birnen vergleichen.
Das macht keinen Sinn. Die sind doch total unterschiedlich.
Das macht mich unsicher.

Eintrag #28
Ok, meistens bist du die Treppe.
Nachtrag zu Eintrag #28
Immer.
Das Wort, das du suchst, ist immer.
Brauchst gar nicht widersprechen.
Sieh’s positiv: auch Treppen kommen hoch hinaus.

Eintrag #29
Ich glaub, diese ganze Leben-Sache hatte mal das Potenzial, echt unterhaltsam zu werden. Aber die anderen Leute vermasseln einem das schon ganz schön.
Nachtrag zu Eintrag #29
Zugegeben, die anderen Leute sind ätzend.
Aber wenn man ehrlich ist, vermasselt man sich das eigentlich immer selbst.

Eintrag #30
Zitat.
„In der Zeitschrift für Assyriologie übersetzte H. Zimmern 1896 einen fast 3000 Jahre alten Text, der in den Ruinen der Bibliothek Aššurbanipal in Ninive gefunden wurde, aus der Keilschrift ins Deutsche. Auf dem Tontäfelchen hatte der Umanu (Weisheitsvermittler) Shaggil-kinam-ubib notiert: >>Schaust du hin, so sind die Menschen insgesamt blöde.<< Das fasst im Prinzip alles ganz gut zusammen.“
– Das Känguru-Manifest. Was bisher geschah.
Nachtrag zu Eintrag #30
Beweis A: der Autor des Tagebuchs war zu blöd, sich nen eigenen Eintrag auszudenken. B brauchts schon gar nicht mehr.
Q. e. d.
Nachtrag zum Nachtrag zu Eintrag #30
Und wenns ein B bräuchte, dann wäre das die Tatsache, dass der Autor von sich selbst in der dritten Person schreibt. Wie elaboriert.
Nachtrag zum Nachtrag zum Nachtrag zu Eintrag #30
Oder die Tatsache, dass ich mit diesen Nachtrags-Kettenwitzen nicht aufhören kann.
Nachtrag zum Nachtrag zum Nachtrag zum Nachtrag zum Nachschlag zu Eintrag #30
Q.e.d.

Eintrag #31
Ich bin nie der Mensch geworden, der ich sein wollte, dafür will ich jetzt der Mensch sein, der ich geworden bin. Das ist alternativ auch in Ordnung.
Kommentar zu Eintrag #31
Yay. Das heisst, ich habe mich nicht entwickelt, bin nicht gewachsen, habe mich nicht verändert, sondern habe nur gelernt, mir mein Aufgeben schönzureden. Das ist weder alternativ noch sonstwie in Ordnung.

Eintrag #32
Die Realität irrt sich ja meistens. Hab ich gehört.
Korrektur zu Eintrag #32
Die Realität kann sich nicht irren. Es gibt keine.
Nachtrag zur Korrektur
Die einzige Realität, die sich irren könnte, ist deine persönliche Lebensrealität.
Und wenn die sich irrt, irrt sich im Rückschluss ihr/e Erschaffer/in.
Und da man das nunmal immer selbst ist, muss es korrekt heissen:
„Eigentlich irrt man sich ja meistens. Ich spreche aus Erfahrung.“
oder, kurz gefasst: „Im Zweifel selbst schuld. Weil Dummheit.“

Eintrag #33
Könntest du ihr Freund sein?
Nachtrag zu Eintrag #33
Jap.

Eintrag #34
Die meisten Menschen haben eine klarere Position zu Rauschmitteln und Sucht,
als die Süchtigen. Und wissen, was gut für sie (die Süchtigen) ist. Das finde ich seltsam. Das ist alles sehr schwierig. Und man sollte meinen, die Selbstreflektion als Süchtiger würde wahr- & ernstgenommen. Wird sie selten.
Nachtrag zu Eintrag #34
Ich hab Eintrag 34 geschrieben als ich high war.
ÄÄÄÄh, das lyrische Ich.

(Jegliche Ähnlichkeit mit realen Personen ist zufällig und gänzlich unbeabsichtigt.)
Lies die AGB’s.

Eintrag #35
Hört Sex denn nie auf, eine so riesige Rolle zu spielen? Die Menschen nehmen Sex zu ernst.
Nachtrag zu Eintrag #35
Oder nicht ernst genug. Wenn die Menschen den Sex anderer Menschen noch ernster nehmen würden, dann würden, wie eine Ex von mir mal bemerkte, Kondome vielleicht staatlich subventioniert oder im Bestfall per Gesetz verpflichtend sein, damit sich die ganzen Vollspaten und schäbigen Schrebergartenschamanen nicht ungehindert über die Erde ausbreiten können.
Ich mein im Ernst. Wer würde denn schon freiwillig Kinder kriegen, wenns kein biologischer Imperativ wäre?

Eintrag #36
Erlaubt ist, was gefällt & alles kann, nichts muss.
Nachtrag zu Eintrag #36
Die Rechtslage sieht das leider anders. Innereheliche Vergewaltigung ist erst seit 1997 strafbar.

Eintrag #37
Die Welt ist überkomplex.
Eintrag #37einhalb
Oder ich bin einfach zu blöd.

Eintrag #38
Freiheit. Für alle. Jetzt und umsonst.
Korrektur zu Eintrag #38
Ah, warte. Lieber doch nicht. Mehr so fast alle.
Ah ne, dann macht das Wort Freiheit ja keinen Sinn. Was tun, was tun?
Oh ja, ich weiß: für Freiheit , Toleranz und Gleichberechtigung kämpfen, allen erzählen wie wichtig das ist, mir einen Refugees-Welcome-Pullover kaufen (ohne ist die politische Arbeit ja bedeutungslos, sieht ja keiner), und dann anfangen, andere Leute auszugrenzen, eine elitäre Splittergruppe gründen (par example: Hausprojekt/Slash Wagenplatz/Slash Kommune/Slash Club/Slash Bar/Slash Getränkekollektiv/Slash Tattoostudio/Slash LadenindemRefugees-welcomeundNZSBXNShirtsverkauftwerden/ Slash Späti/Slash selbstverwaltetes Kulturprojekt/Slash Punkband/Slash sonstirgendeinenrödel) und dann im Plenum stagnieren, sich untereinander (zer-)streiten, anfangen, sich gegenseitig (& andere Splittergruppen mit der ähnlicher Gesinnung & prinzipiell denselben Zielen) anzugreifen und zu diffamieren, und nichts aktives mehr tun, sondern nur noch über Begriffe zu streiten.
Das ist eine sehr gute Idee. Und eine sehr neue. Und ich habe sehr schöne Türklinken.

Eintrag #39
Und Eis. Mit Sahne.
Ergänzung zu Eintrag #39
…und eine Cocktailkirsche! Oder wenigstens bunte Streusel.

Eintrag #40
Hoch oben, hoch oben,
Hoch oben am Wind.
Und heiter, und heiter
und friedlich dabei.

Eintrag #41
Halb Drachen, halb Mond.

Eintrag #42
Ich höre Leute reden, nichts berührt mich.
Und wenn sie mich fragen, ich kann nichts dazu sagen,
nichtmal im Scherz.
Nichts ragt aus dem Rauschen, ich spür keinen Schmerz.
Nichtmal meine Dämonen plagen mich mehr, weil selbst sie
zu abgestumpft sind.
Ich hab nichts dazu zu sagen. Nichtmal im Scherz.
Es ist alles hinter Panzerglas, und es könnte irgendjemand anders sein.
Es geht alles unter in diesem dumpfen Rauschen.
Und nichtmal ein Scherz.

Eintrag #43
Einbauküche, Drogenküche, Suppenküche, Teufels Küche.

Eintrag #44
Jedes Glück ist irgendwann mühsam.
Jedes Glück ist irgendwann langweilig.
Eintrag #44einhalb
Die anderen scheinen alle mit dieser Langeweile zurechtzukommen.
Wer hat den Leuten bloß eingeredet, der Zweck des Lebens wäre es,
glücklich zu sein? Son Quark.
Eintrag 44kommasiebenvierfünfzweineun
Ich bin so unglücklich. Ich will das nicht mehr.
Eintraf 44kommesiebenvierfünfdrei
Spaß.

Eintrag #45
Jeder Mensch, der behauptet, er hätte Ahnung von Kunst, lügt.
Jeder Mensch, der so lügt, hat HipHop nicht verstanden.
Ich habe HipHop nicht verstanden.

Eintrag #46
Wozu hat man eigentlich Tränendrüsen?
Sinnloses Zeug.

Eintrag #47
Mann, ein Leben ohne Rauschmittel muss anstrengend sein.
Mit ist es das allerdings auch.

Eintrag #48

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