Wähle dich selbst

Man kann unter Geschichte keinen „Schlussstrich“ ziehen, wenn man dazu gewillt sein möchte, aus der Geschichte zu lernen. Das heisst nicht, dass man einseitig die NS-Zeit thematisieren muss, sondern dass man insgesamt geschichtlich denken muss, und nicht gar nicht. Wer einen Schlussstrich unter der Geschichte ziehen will, will sich mit ihr nicht mehr auseinandersetzen und wird folgerichtig umsomehr Opfer der Geschichte, weil die Gründe für das Handeln nun im (kollektiven) Unbewussten liegen. Das Motto der Politik, die inhaltsfreie Parole, die sich jede Partei auf die Fahnen schreiben kann, nämlich dass man für die Zukunft handeln müsste, hat einen wahren Kern, insofern als dass es tatsächlich um die Zukunft geht, die allerdings von der Vergangenheit wesentlich determiniert und bestimmt wird. Wenn wir also wirklich Politik für die Zukunft machen wollen, müssen wir die Vergangenheit kennen, ohne sie zu idealisieren oder zu verteufeln. Das ist, denke ich, eine basal-banale Einsicht.

Aber offensichtlich sind wir noch nicht so weit. Mythische Tendenzen brechen sich durch die defizienten Strukturen der Postmoderne ihre Bahn und ihre Macht ist im selben Maße berechtigt, wie sie irrational ist. Kaum einer ist sich den zugrundeliegenden psychischen Mechanismen bewusst, die hier am Werke sind, und die letztlich eine Auseinandersetzung mit den realen Mächten verhindert, weil eine echte Auseinandersetzung auf einer rationalen Ebene stattfinden müsste. Stattdessen werden Grabenkämpfe zwischen den sensitiven, postmodernen Relativisten und zwischen den „retropistischen“ (um einen Ausdruck von Precht zu benutzen), nationalistischen Konservativen ausgetragen, die die zwischen ihnen liegende rationale Ebene vernachlässigen, sodass ein Diskurs, wie so oft, von irrationalen Feindschaften unmöglich gemacht wird. Diese freigewordene Nüchternheit und Sachlichkeit wird dann allerdings gern von den etablierten Politikern in Anspruch genommen, was eine Farce ist, da eine solche „Sachlichkeit“ die eigenen ideologischen, neoliberalen Hintergründe im Regelfall gar nicht zu erkennen imstande ist.

Ich denke, dass diese Grabenkämpfe medial forciert werden und ebenso durch die sozialen Netzwerke einen inneren Antrieb erhalten, der ihnen eine Bedeutung zuteil werden lässt, die sie nicht verdienen. Man darf angesichts des medialen Hypes nicht vergessen, dass es zahllose Themen gibt, die sich um mehr drehen als die Debatte um flüchtende Menschen und die Bewertung des Nationalsozialismus, und über die fair und weitestgehend sachlich gesprochen wird. Konflikte erregen grundsätzlich mehr Aufsehen, als friedliches Einvernehmen und auf echten Austausch wertlegende Kommunikation. Letztere dürfen aber im Bewusstsein deswegen nicht vernachlässigt werden. Auch wenn dieses Einvernehmen auf einer falschen Basis stehen mag (d.h. auf dem Ignorieren verschiedener gesellschaftlicher und ökologischer Missstände), und auch wenn jene Kommunikation sich nur auf wenige und überdies auf bestimmte Themen in spezialisierten Kreisen beschränken mag, so ist dennoch ein Wissen vorhanden, dass sowohl retropistische Ideen als auch die falsche Sachlichkeit der Politikdarsteller durchschauen und als solche entlarven kann. Und dieses Wissen und die Fähigkeit zum Freilegen der wahren Motive, der wahren Missstände und dem Erarbeiten möglicher Lösungen ist das, was unserer Gesellschaft niemals verlorengehen darf und das gefördert werden muss, da sonst Macht im Extremfall ungehindert schalten und walten kann.

Deswegen müssen wir als Gesellschaft weiter das erhalten und fördern, was konstitutiv für unsere Geschichte in einem positiven Sinne ist: Aufklärung. Und das heißt konkret: ein humanistisches Bildungsideal als Grundsatz für die Erziehung der Kinder. Das ist keine besonders originelle Forderung, ich weiß, aber wenn wir Politik für die Zukunft machen wollen und dabei geschichtlich sein wollen, heißt das auch: bewahren, was wir an Gutem haben. Das wäre das, was ich darunter verstehe, wenn Sloterdijk von sich sagt, dass er linkskonservativ sei. Die heutige Linke leidet m.E. unter ihrem zwanghaften „Progressivismus“ und unter der Einstellung, dass es kein richtiges Leben im Falschen gäbe. Wenn es kein richtiges Leben gibt, wer könnte dann geistiges und moralisches Vorbild sein, der oder die die Gesellschaft aus dem Dunkel verleugneter Traumata hinaus in das Licht von Selbstbewusstsein und Wahrhaftigkeit führte? Die geistig-seelische Emanzipation durch Bildung und Aufklärung kann noch lange nicht als abgeschlossen betrachtet werden, sondern muss als zentrales Organ einer modernen Gesellschaft beständig mit Blut versorgt werden, selbst wenn das idealistisch scheinen mag (wobei Ideale nicht dafür diskreditiert werden sollten, dass sie unrealistisch sind, denn Ideale sind per definitionem nicht erreichbar, sondern immer nur verfolgbar, das bedeutet aber nicht, dass sie es nicht wert sind, angestrebt zu werden).

Ein grundlegender Wandel unserer Gesinnung, unserer Vorlieben, unserer Träume und Ziele, unserer Handlungs-, Rede- und Denkweise, unserer Weltbilder wäre notwendig. Dieses Leben, wie es von den Allermeisten gelebt wird, ist von der Wurzel her falsch, bzw. zu flach, zu wenig tiefschürfend, zu wenig durchdacht und zu wenig beherzt. Gesellschaftliche Strukturen und ungünstige Existenzweisen bedingen sich gegenseitig und verstärken sich im Augenblick zu einem unheilvollem Sturm, der jetzt, in diesem Augenblick über die gesamte Erde zieht. Selbst die Radikalsten unter uns sind noch zu gemäßigt, insofern ihre Radikalität nur andere, aber nicht sie selbst betrifft.

Ich persönlich sehe keinen anderen Weg, als selbst das Leben anzustreben, welches man als wert erachtet, von allen gelebt werden zu können. Nur durch solche Vorbildfunktionen ist es möglich, die Menschen zu erziehen, anders schlechterdings nicht. Der Mangel an solchen öffentlichkeitswirksamen, integren Persönlichkeiten in Deutschland und aber auch der Mangel an Respekt vor solchen Menschen ist eklatant. Jenseits aller Grabenkämpfe und aller scheinbaren Selbstverständlichkeiten müssen wir es daher wagen, auf eigene Faust zu leben, um uns nicht in den Bann kapitalistisch-nihilistisch getränkter „Wahrheiten“ ziehen zu lassen. Und dafür das Ideal der geistigen Autonomie hochhalten. In diesem Zusammenhang möchte ich mit einem Zitat von Konfuzius schließen:

Dsi Dschang fragte, wie geistige Klarheit erworben werden könne. Konfuzius sprach: „Die geistige Klarheit und der geistige Weitblick besteht einfach darin, dass man sich die Selbständigkeit des Urteils wahrt gegenüber den unbedeutenden und unmerklichen Beeinflussungen jener Leute, die nach dem Grundsatz: ‚Es bleibt immer etwas hängen‘ unentwegt und leise ihre Behauptungen wiederholen, bis sie schließlich durch die lange Gewohnheit den Schein einer selbstverständlichen Wahrheit gewinnen.“

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