Kommentar zu Trump

Jetzt treten die Miserabilisten wieder auf den Plan. Überall wird sich entrüstet, ist man schockiert, verwundert und plötzlich geriert sich jeder als wäre er Bescheidwisser. Anstatt diese Wahl in einen historischen Prozess zu positionieren, sieht man sich in der linksliberalistischen Agenda verletzt und versucht in einem Sturm der Wortmeldungen diese Wunde zu verarzten. Keiner der Kandidaten war nur gut oder nur schlecht, wie es nichts ist, darum war auch der ständige Vergleich mit „Pest oder Cholera“ irgendwann unangebracht, weil solche Vergleiche eine sachliche Auseinandersetzung verhindern. Man sieht, was die Medien geleistet haben, indem sie Trump immer als den Idioten dargestellt haben und nun ist er plötzlich Präsident. Auf einmal zerspringt der Tenor der Berichterstattung und man merkt, dass der Sinn für Renitenz in den Bevölkerungen von heute noch nicht verschwunden ist, im Guten wie im Schlechten.

Was auffällt ist, wie schnell die Fähigkeit der Differenzierung in den Untiefen der Mythologisierung verschwindet, sei es nun, dass man neokonservativ Mauern bauen, oder im Gegenteil ohne Rücksicht einreißen will. Wer sich permanent narrativ zu den gegenwärtigen Geschehnissen verhält, sieht sich jetzt gezwungen, jedes Ereignis in dieses Narrativ mit einzubinden. Während die einen Trump als Regress in vor-postmoderne, nichtpolitischkorrekte, ja faschistische Zeiten deuten, setzen andere die Hoffnung in ihn, dass er progressiverweise den Filz des Establishments zerschlägt. Und immer noch teilen die Menschen die Welt der Politik stumpf in linke und rechte Gesinnungen, obwohl sich ja zeigt, dass wir über den Faschismus in indiskreter Form längst hinaus sind. Wenn man Faschismus bemühen will, so findet er in den diskreten, subtilen Formen der Wirtschaftsordnung statt, die im Hintergrund der schillernden Berichterstattung ständig laufen. Es wird sich zeigen, was Trump tatsächlich tun wird; ob es überhaupt in seiner Macht steht, das Establishment der Finanzeliten und der Medieneliten zu zerschlagen.

Ich persönlich bin froh, dass der Einfluss der Wallstreet erst einmal etwas eingedämmt ist, weil die Wallstreet auf Clinton gesetzt hatte, und auch dass durch Trump  Deeskalation in Bezug auf die Beziehungen zu Russland in Aussicht ist, denn die Gefahr der Eskalation war in letzter Zeit näher als man denkt. Andererseits bin ich eher betrübt darüber, dass Trump den Klimawandel scheinbar nicht ernst nimmt. Es wird sich zeigen, was geschieht. Im Verlauf der Zeit wird auch ein Trump sich mit Sachzwängen konfrontiert sehen und auch mit Attacken des Establishments, das versucht, ihn loszuwerden.

Ich bin jedenfalls sehr gespannt und hoffe nach wie vor das Beste für alle Menschen und Lebewesen! Und ich bin froh, dass die Dinge doch noch anders laufen können, als es uns ständig suggeriert wird. Die beschworene Alternativlosigkeit scheint ihren Einfluss  wenigstens etwas eingebüßt zu haben. Und das Internet bietet auch in den industrialisierten Staaten ein nicht mehr zu kontrollierendes Gegengewicht zum Informationsmonopol der Medienvertreter. Ich lasse mir einen gewissen Optimismus durch die Miserabilisten nicht nehmen.

Nachtrag, gut eine Woche nach der Wahl: Ob Trump ein wirkliches Interesse daran hat, gegen das Establishment zu agieren, scheint mir fragwürdig zu sein. Die verschiedenen Interessen arrangieren sich schnell mit neuen Gegebenheiten. Um es zu betonen, mir ist klar, dass die Ordnung, in der wir leben, nicht durch einen Präsidenten umgestürzt werden kann. Trump ist Ausdruck einer Verzweiflung, die sich breitgemacht hat. Verzweiflung hat auch ihre Schattenseiten. Aber diese werden nicht durch europäische Armeen aufgehellt. Oder dadurch, dass man zwei Millionen Migranten ausweisen oder verhaften will. Es liegt an uns, das was geschieht, möglichst genau, unvoreingenommen und kritisch zu beobachten. Diese Aufgabe wird uns niemand abnehmen.

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