Weisheit und Glück

Verschwindend erscheinen meine Gedanken, mein Ego ist nur Oberfläche an der Tiefe des Traums vom Sein, und doch ist Vielfalt, Substanz, und doch sind Gedanken, die ausgedrückt werden wollen, die nicht zusehen können, wie die Erdbevölkerung der, zunehmend aus der Latenz ausbrechenden, Verzweiflung anheim fällt. Was ich will ist: Positivität, Weisheit, Mitgefühl auf der einen Seite und zugleich Realismus, Auseinandersetzung mit Fakten und praktische Veränderung auf der anderen Seite. Dieser Weg scheint mir manchmal unendlich schwer, unendlich steil, mühsam, quasi nicht bewältigbar und doch weiss ich im Grunde immer, auch wenn ich mich gehenlasse, wenn ich falle und regrediere, dass dies der einzige Weg ist, der Weg zu Weisheit und Glück, der überhaupt erst in der Lage ist, sich mit den Problemen von Mensch, Tier und Natur auseinanderzusetzen.

Weisheit?, könnte man fragen, das scheint ein sehr abstrakter, leerer Begriff zu sein. Und was soll Glück meinen und welche Rolle spielt Glück, doch etwas rein subjektives, bei der Bewältigung der aktuellen Probleme? Zunächst zu letzterem: Glück stellt zusammenfassend das emotionale Grundbedürfnis des menschlichen Daseins dar. Die Betonung des Glücks meint, dass, mit Blick auf die positive Psychologie, die positiven Emotionen und positive Grundhaltungen (statt wie in der bisherigen Psychologie immer auf das Pathologische fixiert zu sein) in den Vordergrund gerückt werden. Hier gibt es viele Emotionen, die Glück bewirken können und die bewusst, durch aktive Vergegenwärtigung, verstärkt und in das Alltagsleben integriert werden können und die sich durch genügend Übung als emotionale Grundhaltung stabilisieren. Zum Beispiel: Liebe, Mitgefühl, Dankbarkeit, Humor, Vertrauen, Mut, Sanftheit, Zuversicht, Demut …

Wir haben in der bisherigen Philosophie leider einen außerordentlichen Hang zur Kälte und Negativität zu verzeichnen, wir haben eine Philosophie, die hauptsächlich davon lebt, zu kritisieren, und obwohl es mir sehr fern liegt, die Verdienste der Philosophen zu ignorieren oder zu schmälern, kann man nicht umhin zu sagen, dass lediglich Kritik, so konstruktiv sie auch sein möge, nicht dazu ausreicht, um den wesentlichen Bewusstseins- und Gesellschaftswandel zu generieren, den wir bräuchten, um unser (Zusammen)leben sinnvoll zu strukturieren. Selbst die Psychologie hat bis zur Jahrtausendwende gebraucht, um eine eigene Forschungsrichtung für positive Emotionen zu etablieren. Natürlich, und darauf werde ich gleich noch kommen, kann es nicht darum gehen, mit einer deklarierten, ideologischen Positivität alle Negativitäten, seien sie gesellschaftlich oder psychisch, zu übermalen, als wären sie nicht da, aber es geht darum, die emotionalen Ressourcen bereitzustellen, die wir brauchen werden, wenn wir das 21. Jahrhundert möglichst gut überstehen wollen. Leider muss ich so apokalyptisch klingen, nach meinem Dafürhalten sind die ökologischen und durch den Menschen erzeugte Belastungen für den Planeten und die Menschen selbst so groß, dass es noch in diesem Jahrhundert zu Katastrophen kommen muss. Man muss sich dieser bitteren Erkenntnis stellen, zumal es eher nicht so aussieht, als würden die Menschen in dem schmalen Zeitfenster, das wir noch haben, den richtigen Weg einschlagen.

Die Frage nach emotionaler Positivität und damit dem Glück stellt sich heutzutage also nicht in einem rein spirituellen Kontext, sondern entpuppt sich mit Blick auf die globalen Entwicklungen als ein ideales Zentrum, nach welchem wir uns ausrichten sollten, statt des BIP, statt des ewigen Wachstums. Glücklich sein kann man in der Regel nur, wenn man auch gesund ist, das hat Schopenhauer sinngemäß irgendwo in den Aphorismen zur Lebensweisheit geschrieben, und das gilt für den einzelnen Menschen ebenso wie für den Planeten. Wenn tatsächlich das Glück im Zentrum unserer Bemühungen, auch ganz konkret im Zentrum der Politik stehen würde, würde kein Mensch auf die Idee kommen, die eigenen Lebensgrundlagen anzukratzen und vor die Vernichtung zu stellen. Auf eine derartige Idee kann man nur kommen, wenn der reine Profit zählt.

Ich möchte an dieser Stelle aber nicht weiter in gängige Kapitalismuskritiken verfallen, da das Gesagte wahrscheinlich jedem bekannt ist, da das apokalyptische Szenario eines Endzeitkapitalismus schon lange im Halbbewussten des informierten Menschen schlummert und ja immer realer zu werden scheint; stattdessen möchte ich zurückkommen auf Weisheit und Glück, die sich einer derartig harten, unerbittlichen Realität stellen müssen. Denn es ist für eine nicht-intellektuelle Positivität nicht möglich, den Anblick einer solchen Zukunft langfristig auszuhalten, ein bloß glücklicher, ein bloß optimistischer Mensch wird immer wieder in seine eigene Lebenszusammenhänge zurückfallen und einfach versuchen, möglichst sorglos zu sein und nicht an die Zukunft zu denken. Der Intellekt und Weisheit sind nötig, sie werden gebraucht, reine Positivität ohne sie degeneriert zum Hedonismus.

Weisheit ist aber ein ungeheuer komplexes Thema, zu dem es meines Erachtens ungeheuer viel zu sagen gibt und die mehr denn je gebraucht wird. Weisheit ist wie weisses Licht, es setzt sich auch unzähligen Farbtönen des Spektrums zusammen, gleich der Weisheit, die unzählige Aspekte hat, die verwirklicht werden können. Jeder Aspekt steht gleichzeitig als einzelner Farbton für sich, aber gleichzeitig steht keiner für sich sondern wird letztlich in allumfassender Weisheit zu weissem Licht aufgelöst und integriert. Auch Intellekt ist ein Aspekt der Weisheit, aber was dazukommt sind zum Beispiel: Integrität, Urteilskraft, Vernunft, Gerechtigkeit, Bewusstheit, Entschlusskraft, Wissenschaftlichkeit, Mäßigung, Autonomie, Ausgeglichenheit, Gleichmut/Gelassenheit, Furchtlosigkeit, Würde, Geduld …

Zu jedem Aspekt wäre wieder unendlich viel zu sagen und viel Recherche zu leisten. Jedenfalls brauchen wir Weisheit um so viele Aspekte wie möglich zu verwirklichen und um zwischen den Fakten, ob sie nun solche seien oder sich lediglich als Fakten darstellen, aber es nicht sind, zu unterscheiden. Insofern ist Weisheit im Gegensatz zur emotionalen Positivität auf das Vielfältige ausgerichtet. Während das Streben nach Glück letztlich ziemlich einfältig ist, denn es handelt sich ja bei einer freudigen Emotion oder bei einer positiven Lebenshaltung um nichts komplexes, sondern dreht sich schließlich nur um das sich-wohlfühlen, muss Weisheit das Vielfältige erfassen und es unterscheiden, insofern spielt Urteilskraft, die Fähigkeit zwischen dem Schein und der Wahrheit, zwischen der Kontingenz und der Notwendigkeit und zwischen vielem anderen zu unter- und entscheiden eine zentrale Rolle. Urteilskraft ist es, die sich auf viele andere Aspekte auswirkt. Eben weil Weisheit im Idealfall jede Situation des Lebens bewältigen muss, muss sie das Komplexe, das eigentlich Unentwirrbare entwirren und zu einer bestimmten Haltung gelangen, und sei es, dass sie den Schwerpunkt auf Integrität oder Gleichmut oder etwas anderes setzt. Es ist für ein einziges Menschenleben wahrscheinlich unmöglich vollendet weise zu sein, jeden Aspekt zu vervollkommnen, aber dennoch sehe ich mich vor diese Aufgabe gestellt, wie eine Art Leitstern. Es ist für mich bemerkenswert, dass die Philosophie, die ja die Liebe zur Weisheit als Namen hat, die Weisheit nahezu komplett an die Religiösen und Spirituellen abgegeben hat und dass Weisheit ein so verkommener und ausgebeuteter Begriff geworden ist. Weisheit ist zum Schlagwort in der Wohlfühlindustrie geworden, substanzleer und nichtssagend. Weisheit muss die Kritiken mit einschließen, von der Kritik der reinen Vernunft bis hin zur Ideologie- und Kapitalismuskritik. Die beklagenswerten Negativitäten und Misstände müssen beklagt werden. Und um sie zu bekämpfen, ist beides vonnöten: Weisheit und Glück, wobei beides ineinandergreift.

Schließlich thront aber die Weisheit über allem, sie ist es, die sich für Glück in all seinen Aspekten, für Mitgefühl, Dankbarkeit und Humor entscheiden kann. Wenn wir überdies unsere Körperlichkeit würdigen und unseren Körper angemessen behandeln, hätten wir damit den Dreiklang aus Körper, Gefühl und Bewusstheit. Als rationale, zumindest teilaufgeklärte Menschen handeln wir immer schon aus einer gewissen Geistigkeit heraus und ebendiese Geistigkeit beherbergt das Potenzial zur Weisheit. Jeder Mensch trägt Veranlagungen für Weisheit in sich und kann sie zur Welt bringen. Ich hoffe, alle Menschen mögen den Weg zur Weisheit und den Weg zum Glück finden.

Nachtrag:
Natürlich wäre, wie schon erwähnt, noch unendlich viel mehr zu sagen und dieser Text ist eine erste Idee davon, was zu sagen wäre. Ich möchte auch nicht den Eindruck erwecken, als wüsste ich bis in das Letzte, worüber ich spreche, denn mir ist auch sehr bewusst, dass ich in diesem Text große Worte in den Mund nehme. Ich wundere mich nur, dass auch die Philosophie sich scheut, diese großen Worte noch weiter zu benutzen und ich möchte diesem Trend entgegenwirken. Außerdem bin ich auch nicht der größte Anhänger der Tugendethik insofern sie den Leuten vorschreibt, wie sie zu sein haben. Weisheit ist für meine Begriffe ein radikal offenes Konzept, dass jeder für sich selbst vereinnahmen kann, wie er/sie es möchte. Ich vertraue auf die Intelligenz der Menschen. Insofern geht es am Ende darum, ganz konkret Potenziale zu wecken und zu entfalten. Auch wenn weiter noch theoretische (und auch praktische) Vorarbeit geleistet werden müsste, stellt doch diese Art zu denken meines Erachtens den Grundbaustein für eine Philosophie dar, die sich ohne dem massenhaften Geschmack gemein zu machen, für jeden Menschen offen ist.

Ein Kommentar

  1. Ein interresanter Beitrag.

    Liebe Gruesse

    Monika

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